Digitalisierung durch „Koalition der Vernünftigen“

Bei einem Forum zu Digitalisierung in Wirtschaft und Kommune diskutierten Experten auf Einladung der Mittelstandsvereinigung (CDU) und des liberalen Mittelstands (FDP) im Mössinger bäckstage, wie digitale Rückstände angegangen werden können und die Digitalisierung für kommunale Gewerbetreibende genutzt werden kann.

Verschiedene Sichtweisen und Perspektiven in eine Diskussion zu bringen und so „Gerede zur Praxis“ zu machen sei das Ziel der Gesprächsreihe, so der neu gewählte Tübinger MIT-Vorstand Falk Föll. Den Anfang machte Dr. Bernd Villhauer, Philosoph und Geschäftsführer des Weltethos-Institus in Tübingen, und wies darauf hin, dass Digitalisierung eine Weiterentwicklung unseres gesamten Wirtschaftssystems und so mehr als nur neue Technik, neue Technologie oder neue Geräte darstelle. Digitalisierung würde eine strukturelle Veränderung bedeuten – etwas, was man nicht einfach an den normalen Alltag anhängen könne. Gleichzeitig sei Realismus angebracht und ein Blick, die guten und schlechten Veränderungsprozesse zu unterscheiden.

Claudius Mähler, Wirtschaftsförderer der Stadt Mössingen, fügte aus städtischer Sicht in seinem Grußwort hinzu, dass die digitale Vernetzung Grundvoraussetzung für all dies sei. Diese sei nie abgeschlossen und könnte immer nochmals besser sein. Hoffnung bringe hier die Ankündigung der Telekom: 2019 sollen weiße Flecken wie rund um das Freibad oder in Öschlesgärten geschlossen und rund 7500 Haushalte in der Kernstadt besser versorgt werden. Bei der Vergabe von EU-Fördergeldern zum Ausbau eines Wlan-Netzes sei die Stadt dagegen noch nicht berücksichtigt worden.

Barbara Muschler, Vorsitzende des Mössinger HGV, sieht ebenfalls Handlungsbedarf: Wenn die Infrastruktur nicht stimme, sei es für Gewerbetreibende besonders schwer. Diese Infrastruktur passe insbesondere bei den kommunalen Dienstleistungen nicht, wie Bertil Kilian, ITEOS, referierte. Die Möglichkeiten eines digitalen Bürgerbüros wären groß, hier hinke Deutschland allerdings stark hinterher. Wichtig wäre in diesem Bereich eine stärkere Vernetzung, um so „aus Leuchttürmen Lichterketten zu machen“. Diesem Prinzip nach handelt auch die Freifunk-AG des Quenstedt Gymnasiums, die kostenloses Wlan im öffentlichen Raum anbietet. Zwei Schüler und Lehrer Frank Schiebel präsentierten das System und die beeindruckenden Erfolge, wie beispielsweise das gut funktionierende Wlan im Mössinger Freibad. Die Versorgung der Stadtmitte mit dem Löwensteinplatz wie auch dem Gebiet um das Alte Rathaus seien die nächsten Projekte. Ebenso werden jederzeit Privatpersonen und Gewerbetreibende gesucht, die mit ihren Routern das Freifunk-Netz vergrößern – und das mit absoluter Rechtssicherheit.

Christoph Zahn von ‚Die Futuristen‘ fügte der Diskussion ebenso neue Blickwinkel hinzu: Erweiterte und virtuelle Realität. Diese lassen sich insbesondere für den Tourismus nutzen und beispielsweise den Amrumer Leuchtturm nicht nur vor Ort, sondern auch zu Hause erlebbar machen. Dadurch entstehe eine neue Attraktivität für eine Region, wodurch sogar vom Onlinehandel bedrohte Innenstädte belebt werden könnten.

Die Diskussion machte deutlich, dass einerseits Fortschritt dringend notwendig ist (Muschler: „Wie wachen wir aus dem Dornröschenschlaf auf?“), gleichzeitig aber auch Rücksicht auf die Menschen genommen werden muss, die nicht ‚digital natives‘ sind. Villhauer sah zwei Punkte als besonders wichtig: Eine breite Basis des Fortschritts über Parteigrenzen hinweg, eine „Koalition der Vernünftigen“, welche politische Entscheidungen treffen kann. Ebenso aber auch die immer begleitende Frage, welche Probleme konkret denn mit der Digitalisierung gelöst werden sollen. Gäbe es für Probleme nämlich auch eine analoge Lösung, sei das auch in Ordnung. Digitalisierung müsse als Werkzeug zur Problemlösung und Prozessverbesserung begriffen werden, so der Konsens.

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